Vorbemerkungen

Wer rückblickend die Geschichte einer Familie oder eines Volkes betrachtet, muß sich von den Fesseln der eigenen Gegenwart lösen und sich in die Umstände und den Geist der jeweiligen Zeit hineinversetzen, denen der Einzelne unterworfen war.
Unsers Vorfahren waren Müller. Um ihre Tätigkeit richtig einzustufen, müssen wir uns aus satter Gegenwart hineinversetzen in die Zeiten, da Hungersnöte unser Volk heimsuchten. Das tägliche Brot, das durch die Hand der Müller ging, stand auf der Rangliste der Wünsche immer zu alleroberst. Demgemäß war die Stellung der Müller. Es gab Pachtmüller, Eigentumsmüller und Erbleihmüller. Eine Pachtmühle wurde alle sechs Jahre unterm Glockenschlag meistbietend versteigert. Das Meistgebot betraf nicht den Zins, der pro Mühlenrad festlag, sondern die Kaution, die hinterlegt werden mußte. Durch Ersteigerung mit Höchstgebot bei dem so begehrten Objekt übernahmen sich die Pachtmüller in vielen Fällen und kamen dann nicht zurecht.
In den 17 Dörfern des Amtes Felsberg gab es zu früher Zeit die beiden Erbleihmühlen zu Harle und Böddiger. Ein landgräflicher Erbleihmüller hatte seine Mühle zu Lehen für sich und seine Nachkommen. Die Unterstützung, die ihm der Landgraf zusicherte, bestand in freier Holzlieferung aus dem Staatswald und Diensten seitens seiner Untertanen in den gebannten Dörfern. Der Erbleihmüller befand sich also in einer gehobenen sozialen Stellung, andererseits wurde von ihm erwartet, daß er die übertragenen Pflichten gewissenhaft und getreulich erfüllte. Nach dem Willen des Landgrafen entfiel eine Kaution wie bei den Pachtmüllern. Der Name bürgte. Ohne Treu und Glauben war ein Erbleihmüller bald am Ende. Und wirklich: Kein einziger Mißklang trübt die 400jährige Geschichte der Harler Erbleihmüller.

Sie besaßen ferner noch eine Ölmühle eigentümlich. Weiter hatten sie dienst- und zehntfreies eigentümliches Land, das 1751 trotz Abgabe bei Erbauseinandersetzung noch 68 15/16 Acker betrug, zu dem dann um 1760 noch 45 Acker dienstfreies aber zehntpflichtiges Pachtland des Stiftes Fritzlar kamen. Das war zu jener Zeit eine beträchtliches Fläche. Die wirtschaftliche Stellung der Harler Müller war also für damalige Zeiten außergewöhnlich.



Der herrliche Ausblick von der Harler Mühle auf die nahe Altenburg, links dahinter die Felsburg und rechts den Heiligenberg fordert geradezu geschichtliche Einblendunge heraus. Die Mühle lag oft im Spannungsfeld erregter Zeiten und wurde somit betroffen. Die Zerstörung Harles und damit wohl auch der Harler Mühle im Sterner Krieg ist beurkundet. Die Vernichtung des Ortes in dem furchtbaren Jahr 1637 liegt nicht fest, ist aber mit Sicherheit anzunehmen, da die Nachbarorte dieses Schicksal und eine ganze Anzahl Harler Hörfe das 1676 in den Eichenbalken führt, des Jahres des Wiederaufbaus mit landgräflicher Hilfe durch Holzzuteilung nach der langen Zeit des Notbehausungen.
Das Vorhandensein eines Harler Kirchenbuchs aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Kriege ist wahrscheinlich, doch wurde keine Spur davon gefunden. Da aber 1650 von einem zerstörten Niedermöllrich-Lohrener Kirchenbuch berichtet wird und das Felsberger, das Gensunger, das Zennernsche und das Sipperhäuser Kirchenbuch schon um 1600 oder davor angelegt wurden, ist anzunehmen, daß der damals bedeutendste Ort des Amtes nicht zurückstand. Es hätte uns Einzelheiten aus dem großen Krieg gebracht, von Seuchen berichtet und mancherlei Familienzusammenhänge offenbart, in die wir jetzt nur anhand außerkirchlicher Vorlagen mit ganz spärlicher Flamme hineinleuchten können.
Das erste Kirchenbuch Harles, das vorliegt, war mir von dem Pfarrer im guten Glauben als zerstört gemeldet. Es wurde während des Krieges in Felsberg eingelagert und durch die Wasser der gesprengten Edertalsprerre stark beschädigt. Bei der Benutzung rieselte noch Sand aus den Blättern. Die Kirchenbücher mehrerer Nachbargemeinden, die eingesehen wurden, teilten das gleiche Schicksal. Wieder andere waren in der Kreissparkasse zu Melsungen aufbewahrt. Die einrückenden Amerikaner plünderten die Bank, knackten fachkundig die Tresore, warfen die inliegenden Kirchenbücher auf einen Haufen, schütteten Benzin darüber und steckten sie in Brand. Aus dem glüchenden Aschehaufen wurde später durch einen Sachkundigen die wertvollen Bücher stark angekohlt herausgeholt und verwunderlicherweise noch zu 90% gerettet. Durch solche Umstände wurde diese Arbeit sehr beeinträchtigt. Nicht alle Lückken konnten geschlossen werden.
Umso einträglicher war die Forschung im Marburger Staatsarchiv. Hier flossen die Quellen so reichlich, daß das Leben der Harler Müller heute auf weite Strecken offen liegt. Das ist umso erfreulicher, da in den hess. Geschlechterbüchern bislang nichts über die Sippe Metz gebracht wurde.
Von dem aufgefundenen Unterlagen ist nur ein kleiner ausgewählter Teil in Kopien wiedergegeben. Dafür werden die Leser oft original, d.h. in alter Schreib- und Ausdrucksweise, angesprochen. Den alten kopierten Vorlagen wurde zum besseen Verständnis eine Abschrift beigefügt. Von den vielen , of acht Seiten fassenden, meist schlecht leserlichen Erbleihebriefen ist als Beispiel nur der Brief von 1733 gebracht, der verhältnismäßig gut zu lesen ist.

Die Schwalm (swalmaha = Schwellwasser) wurde den Harler Müllern zum Schicksal. Von ihrer Quelle am Nordhang des Vogelsberges oberhalb von Meiches bis zur Mündung in die Eder trieben ihre Wasser die Mühlräder von 33 Mühlen. Da steuert sie ganz am Ende ihres Laufes nach Empfang der Efze als letztem größeren Zulauf ein Gehöft an. Dann weicht sie nach links aus un läßt den Hof hinter sich, doch dann schlägt sie einen Bogen nach rechts, kehrt zurück, umfließt halb den Hof, um auch hier noch die Mühlräder zu treiben. Sie geht dann rechts am Hof in der ursprünglichen alten Richtung weiter. Die Mühle liegt somit, von drei Seiten umflossen, auf einer Halbinsel und ist vom Ort Harle nur über eine Brücke zu erreichen.
Wenn aber bei plötzlicher Schneeschmelze im Winter und Frühjahr oder bei Wolkenbruch nach schwülem Sommertag die Wasser aus Vogelsberg, Knüll und Kellerwald die Schwalm zum ungebärdigen, reißenden Strom machten, dann gingen die Fluten zumeist nicht den üblichen Weg ihres Flusses nach links. Sie wälzten sich geradeaus gegen die Mühlräder und brandeten mit Gischt und Groll gegen die hohe, den Hof schützende Mauer am Wasser. An der großen Schleife der Schwalm aber brachen dann auch die bis dahin noch folgsamen Wildwasser über die Ufer und verwandelten die weite, grüne Ebene in einen einzigen See. Der schnelle, im Jahr meist mehrfache Wechsel von Grünfläche und See wurde neben dem Fischreichtum Ursache für die Ansiedlung einer Tierwelt, wie sie in Hessen in dieser Breite nur einmal vorkam. Trotz einer umfassenden Meliorierung durch den Reichsarbeitsdienst hat sich die Vogelwelt den veränderten Bedingungen angepaßt und in geringem Maße erhalten. Noch heute gibt es an der Schwalm Reiher als Wildfischer, noch hört man an blanken Sonnentagen auf den Wiesen den melodischen Ruf des Kiebitz, der in tollen Wirbeln seine Flugkünste zeigt, noch segeln mit sanften Schwingen Möven über den grünen Flächen, noch meckert im Sturzflug die Himmelsziege, ziehen geruhsam und majestätisch Wildschwäne ihre Kurven in der die Niederung begrenzenden Eder. Der beliebte Storch ist leider ausgestorben. Fischottern wurden noch bis 1938 erlegt.

In Wabern, vier km von der Harler Mühle, steht das vom Landgrafen Karl 1701 für seine Frau erbaute Jagdschloß. Der warme Boden zwischen Wabern und Zennern brachte dazumal Strecken bis zu 500 Hasen. Entscheidend aber für die Erbauung eines Jagdschlosses gerade an dieser Stelle dürfte die fürstlichste aller Jagden gewesen sein: die Reiherbeize, die schon seit Philipp dem Großmütigen ausgeübt wurde.
Landgraf Friedrich II. verlegte seinen gesamten Hofstaat im Juni und Juli jeden Jahres nach Wabern. Ein solches glanzvolles Ereignis hat der Maler Tischbein der Ältere um 1765 in sechs großen Leinwandbildern festgehalten, die heute in dem Barockschloß Adolfseck bei Fulda hängen. Er hat die anmutige Landschaft Niederhessens in seinen Bildern eingefangen, Fritzlar mit seinen Türmen, den Homberger Burgberg und den Mosenberg, Schloß Wabern und Harle mit dem Harler Berg. In den Jagdgründen vor der Harler Mühle sieht man den Landgrafen in einer sechsspännigen Karosse mit fürstlichem Besuch und dem Hofstaat hoch zu Pferde. Manöver und Paraden wurden gehalten, Zelte errichtet und im Freien getafelt. Aller Freuden höchste aber war die in höfischen Kreisen so sehr geschätzte edelste Kunst des hohen Waidwerks: die Beize mit den Falken in berittener Jagd, über die kein Geringerer als der große Staufenkaiser Friedrich II eine berühmte Anleitung schrieb.
An jene prunkvolle Zeit der hessischen Geschichte erinnert an Ort und Stelle nur noch ein kleiner Bestand des alten Reiherwaldes, andererseits kann auch die Harler Mühle für sich in Anspruch nehmen, Schauplatz und Zeuge des Geschehens gewesen zu sein.

Die Lose sind auf dieser Welt verschieden verteilt. Dem einen schenkt die Natur Genuß und Lebenslust in romantischer Ungebung, den Harler Müllern bereiteten die Naturgewalten viel Ungemach im Lebenskampf. Sie haben sich aber fordern lassen und ja gesagt zu ihrem Schicksal, auch wenn einer von ihnen sein Leben lassen mußte.
Bis zum Jahre 1780 wurden in Harle die Toten auf dem Friedhof an der Kirche hinter schützenden Mauern bestattet. Bei der Enge des Raumes und der verhältnismäßig großen Einwohnerzahl waren die Toten übereinander geschichtet, wie man bei Erdarbeiten feststellen konnte. Diesen alten Friedhof hat man erst nach dem letzten Krieg eingeebnet. Leider wurden dabei die alten Grabsteine fast sämtlich vernichtet. Der Lehrer Dietzel erinnert sich, daß neben den beiden noch erhaltenen Gedenksteinen der Familie Metz weitere vier vorhanden waren und in einer besonderen Einfriedung standen. Es dürften sich um die von Arnold Metz II, gest. 1733, und Arnold Metz III, gest. 1768, und deren Frauen gehandelt haben.
Bei der Suche nach einem Wappen fand sich das auf dem Grabstein Arnolds. Es zeigte als Schildinhalt Winkel und Zirkel, also das alte Bauhüttenzeichen, das später die Freimaurer, die n Hessen 1740 auftreten, zu ihrem Symbol wählten. Da auch Arnolds Bruder Curt in Bischhausen auf dem leider zerstörten Grabstein das gleiche Wappen führte, steht das Wappen der Müller Metz mit Zirkel und Winkel eindeutig fest.

In Körle, auf dem neuen Bauernhof Metz, hängt ein Wappen mit der Abwurfstange eines Hirsches im Schild. Dem Vernehmen nach stammt es von einem Adelsgeschlecht von Metze aus Tirol. Von dem alteingesessenen niederhessischen Ministerialengeschlecht, das sich nach seinem Herkunftsort "von Metze" nannte und von 1151 - 1442 belegt ist, konnte bisher kein Wappen nachgewiesen werden. Aus dem Jahre 1713 stammt das Wappen eines Kammerrats G.F. Metz aus Fulda. Es führt im Schild eine Metze und ist somit ein redendes Wappen und von diesem Kammerrat selbst erdacht und gewählt worden. Mögliche Beziehungen zu den Harler Müllern sind bis jetzt nicht nachweisbar.

Ein weiter Kreis von Menschen hat die Harler Müller als Ahnen. Der Harler Pfarrer sandte mit meinem Einverständnis mir alle Anfragen ab 1934, die über den damals nötigen Ahnennachweis hinausgingen. Ich schrieb nach Bayern, ins Rheinland, nach Sachsen und Ostpreußen. Zum Verständnis dieser weiten Ausstrahlungsei darauf hingewiesen, daß ein jeder von uns in 20 Generationen über eine Million Vorfahren hat. Diese verwirrende Zahl bei der geringen Bevölkerungsdichte vor 600 Jahren findet ihre Erklärung darin, daß ein ungeheurer Ahnenschwund vorliegt, daß also derselbe Ahn immer wieder auf der Ahnentafel erscheint und daß der gleiche Ahn auch auf unendlich vielen Ahnentafeln anderer mir fremder Menschen steht. Wichtiger als dieses Spiel mit Zahlen aber möge die daraus zu folgernde Erkenntnis sein, daß wir alle eine große Familie bilden, die sich Volk nennt.


     Der Kinder Ehre
     sind ihre Väter
     aber der Alten Krone
     sind ihre Kindeskinder

          Sprüche Sal. 17,6